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Gildenhall

Neuruppin
2022

„Gildenhall“ steht für eine der ersten alternativen Kommunen in den 1920er Jahren, für Architektur, Kunst und Handwerk jenseits der damaligen Konventionen und für eines der ersten freien Bildungskonzepte. Ab 1921 zogen Künstlerinnen und Handwerker aus ganz Deutschland in diesen Ortsteil von Neuruppin, um dort ihre gemeinsame Utopie in die Tat umzusetzen. Die Weltwirtschaftskrise 1929 bereitete der Idee ein jähes Ende. Der Audio-Fahrradtour durch Gildenhall und die Innenstadt von Neuruppin lässt über mehrere kurze, atmosphärisch dichte Hörspiele die Utopie von damals noch einmal lebendig werden.

Eine Karte mit der Route gibt es hier.

STATIONEN

1. Gildenhall – „Utopie der Wirklichkeit“. Eine Zeitreise.

Ob zu Fuß oder auch per Fahrrad – diese Audiotour in 11 Stationen auf insgesamt etwa elf Kilometern Länge lädt Sie ein auf eine Reise in eine längst vergangene Zeit. „Gildenhall“, als Teil von Neuruppin, ist mehr als nur ein Ort. Eine Handwerkersiedlung, ein Lebenskonzept, das Experiment eine gemeinsame Utopie Wirklichkeit werden zu lassen. Von den Anfängen bis zum Untergang dieses Experiments lernen Sie die Menschen und ihre Ideen kennen, und entdecken vielleicht Ideale, die Ihnen bekannt vorkommen – weil sie zeitlos sind. Der Name „,Gildenhall” ist übrigens ein Kunstwort, dessen erster Teil „Gilde“ sich auf die Bezeichnung mittelalterlicher Zünfte bezog, „-hall“ ist wohl eher poetisch gemeint und hat mit der ursprünglichen Bedeutung eines Ortes der Salzgewinnung nichts zu tun.

 

2. Sachlichkeit und klare Formen. Das Ausstellungsgebäude von Adolf Meyer

Der Architekt Adolf Meyer (1881-1929) war von 1919 bis 1925 Meister in Bauhaus in Weimar und galt Zeit seines Lebens immer als der „zweite Mann nach Walter Gropius“. Für Gildenhall entwarf er 1925 in der Blumenstraße zwei parallele Reihenhauszeilen. Vor sich sehen Sie hier seinen größten Wurf: ein Ausstellungshaus für Gildenhall. Das Gebäude wird heute als Hort genutzt und ist 2018 stark verändert und saniert worden.

 

3. „Als ob alle Tage Sonntag wäre.“ Die Weberei von Else Mögelin

Sie ist bis heute berühmt für ihre Teppiche mit Fabelwesen und Landschaften, ihre Naturfarben und ihr geometrisches Design. In diesem Haus befand sich von 1923 bis 1927 die Werkstatt der Weberin Else Mögelin (1887-1982). 1919 begann sie ihre Ausbildung am Bauhaus in Weimar, zuerst im Vorkurs bei Johannes Itten, später besuchte sie unter anderem die Gestaltungsklasse von Walter Gropius und die Malklasse von Paul Klee. Auf ihrem künstlerischen Weg entschied sich Mögelin für die Weberei. 1923 verließ sie das Bauhaus und ging in die Handwerkersiedlung Gildenhall am Ruppiner See, wo sie eine eigene Werkstatt eröffnete. Also sie später einmal gefragt wurde, was sie vom Bauhaus gelernt habe, antwortete sie: „Die Kunst des Weglassens“.

 

4. Die Blumenstraße. Das Herzstück Gildenhalls.

Im Sommer 1925 erhielt Adolf Meyer, über viele Jahre Mitarbeiter von Walter Gropius, den Auftrag, Häuser für die Freiland-Siedlung Gildenhall zu entwerfen.
Hier in der Blumenstraße stehen nun recht konventionelle Einfamilien-Reihenhäuser, abgeschlossen mit zwei Fachwerkhäusern, für eine aufwändigere Bauweise reichte das Geld der Genossenschaft nicht. Nur die verglasten Loggien zu den Gartenseiten erinnern an den modernen Gedanken dahinter. 1926 lebten und arbeiteten in Gildenhall 260 Menschen, in 14 Werkstätten wurde das Gildenhaller Handwerk betrieben.

 

5. Die Wurzeln von Gildenhall. Das Heyer-Haus.

1920 entdeckte der Berliner Baumeister und Immobilienbesitzer Georg Heyer hier am Ruppiner See dieses Stück Land für sich, ideal für seine Pläne einer Freiland-Siedlung. Seine Hauptgedanken: Siedeln und Arbeiten nach gemeinwirtschaftlichen Prinzipien, Gesundung des Handwerks und Aufhebung des Bodenmonopols. Er baute zunächst dieses Haus, für sich und seine Familie und Gildenhall nahm seinen Anfang. 1931 verließ Heyer die Siedlung – das Haus fiel in einen Dornröschenschlaf.

 

6. „Befreiet euch vom Fluche des Goldes.“ Der Keramiker Richard Mutz

Das Grab des Keramikers und Gildenhallers Richard Mutz (1872-1931) finden Sie auf diesem Friedhof (nach dem Eingangstor den ersten Weg nach 50 Metern rechts rein). Berühmt war Mutz für seine Jugendstil-Formen und seine Laufglasuren. Mutz war Mitglied des Deutschen Werkbunds und politisch sehr aktiv, interessierte sich in der Wirtschaftslehre vor allem für Alternativen zum Kapitalismus. Seine keramische Werkstatt, eine der ersten in Gildenhall überhaupt, fiel 1929 der Rezession während der Weltwirtschaftskrise zum Opfer. Richard Mutz starb am 4. November 1931 an den Folgen einer Gasvergiftung.

7. Die Grundschule in Alt-Ruppin und das Gildenhaller Bildungsexperiment

Ein funktionales, schnörkelloses Schulgebäudes mit modernem Flachdach – mit diesem Konzept hatte der Gildenhaller Architekt Heinrich Westphal 1928 überraschend den Entwurfswettbewerb von Neuruppin gewonnen. Der Bau wurde sein Meisterwerk. Eröffnet wurde Grundschule „Am Weinberg“ im Jahr 1931. Auch Gildenhaller Kinder gingen hierher, aber erst nachdem ihre eigene Schule Ende der 20er Jahre geschlossen wurde. 1927 hatten die Eltern in Gildenhall für ihre Kinder nämlich ein eigenes kleines Klassenzimmer eingerichtet, um ihr alternatives Bildungskonzept in die Tat umzusetzen. Es wurde von der Stadt auch als offizielle Volksschule anerkannt. Leiter war der Lehrer Walter Eggestein, ein bekannter Reformpädagoge seiner Zeit.

 

8. Eine Badeanstalt für die Neuruppiner Nachbarn. Das Jahn-Bad.

Ein Freibad für Neuruppin – Gildenhaller Handwerker haben an der Fertigstellung des Baus mitgearbeitet. Das Jahnbad, benannt nach Turnvater Ludwig Jahn, wurde 1928 eröffnet.
Schon 1921 hatten die beiden Gildenhaller Eberhard Schrammen und Siegfried Prütz nicht weit von hier ein Freibad entworfen, ganz im Stile des Bauhaus. Doch Mitte der Zwanziger Jahre brannte es ab, nichts mehr davon ist heute zu sehen. Dieser Bau hier ist sein Nachfolger.

 

9. Ku-Li-Mu und Fu-Ho-Ba-Fi. Die Gildenhaller Feste

Gildenhall war auch bekannt für seine legendären Feste und Bälle, die die Bewohnerinnen und Bewohner mehrmals im Jahr vor allem hier im Apollo-Garten ausrichteten. Mit ihren originellen Einladungsplakaten, den phantasievollen Kostümen und den zahlreichen Programmpunkten von Theater bis Tanz wollten sie eine Brücke schlagen zu den eher als konservativ und skeptisch geltenden Neuruppinern auf der anderen Seite des Sees. Kein so leichtes Unterfangen.

 

10. Kunst und Ideologie. Der Bildhauer Hans Lehmann-Borges.

In den 1930er Jahren entwarf der Bildhauer Hans Lehmann-Borges (1879-1945) diese Figuren an der Sparkasse in Neuruppin. In ihrer Formensprache erinnern sie an klassische Elemente eines Kriegerdenkmals – ungewöhnlich, denn diese Ästhetik war im eher pazifistischen Gildenhall bei den meisten eher verpönt. Lehmann-Borges war 1923 als einer der ersten Künstler überhaupt nach Gildenhall gekommen. In seiner Werkstatt fertigte er Gebrauchskeramik, Bauplastik, Brunnen und Kamine. Oft auch zusammen mit seinem Kollegen, dem Keramiker Richard Mutz. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite finden Sie gleich noch mehr Werke von Lehmann-Borges: die charakterstarken Köpfe über den Feuerwehreinfahrten. Mutz hat sie gebrannt.

 

11. Der Traum ist aus – vom Ende der Gildenhaller Utopie

Dieses Portal, das sich vor sich sehen, wurde von einem Gildenhaller Künstler gestaltet, wahrscheinlich vom Bildhauer Hans Lehmann-Borges, das ist nicht genau überliefert. Das Portal zeigt einzelne Alltagsminiaturen aus dem Leben in Neuruppin damals, vielleicht sogar in Gildenhall.
Gildenhall existierte etwa zwölf Jahre, von der ersten Idee 1921 bis zur endgültigen Auflösung der Genossenschaft 1933. Doch schon Ende der Zwanziger Jahre fehlte das Geld. Die meisten Künstler und Handwerker verstreuten sich in alle Winde. Doch Spuren des Traums von damals bleiben bis heute.

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Impressum:
Projektleitung: Gildenhall Horizonte e.V. Gritt Maruschke
Idee, Beratung, Koordination: Dr. Jan Hofmann
Idee, Konzept, Recherche, Text, Regie, Co-Produktion: Elise Landschek
Soundproduktion und Musikkomposition: Vanja Kovacev, Erich Schachtner
SprecherInnen: Elise Landschek, Eva Becker, Michaela Maxi Schulz, Jörg Malchow
Grafik und Design: Ion Jonas
Fotos: Justus Maruschke
App-Einbettung: POLIGONAL Büro für Stadtvermittlung
Gefördert mit Mitteln des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg